Bibelarbeit
Gedanken
zur Entrückung
Problemstellung
Die
Bibel lehrt, dass es eine Entrückung geben soll. Das heißt,
dass Christen von einem Moment auf den anderen von der Erde in
den Himmel genommen werden, also spurlos verschwinden, während
die anderen Menschen auf der Erde zurückbleiben. Hierzu gibt
es die Ansicht, dass diese Entrückung vor der Drangsal stattfindet.
Die Drangsal ist der Höhepunkt der Endzeit, in der sich der
Antichrist erhebt und unvorstellbares Leid über die Erde
bringen wird. Sie endet mit der Wiederkunft Christi, anschließend
wird ein 1000-jähriges Friedensreich auf Erden aufgerichtet.
Eine Beschreibung der Endzeit und der Drangsal findet sich insbesondere
in Matthäus 24. Einige Christen sagen nun, dass wir uns glücklich
schätzen können, durch die Entrückung der Drangsal
zu entgehen. Da außerdem die Entrückung unerwartet
und plötzlich stattfinden wird, sollten wir jederzeit wachsam
und vorbereitet sein.
Warum ich an die Entrückung erst am Ende
der Drangsal glaube
Meines
Wissens gibt es nur eine einzige Bibelstelle, die wörtlich
von einer Entrückung spricht:
1.
Thessalonicher 4, 16-17
Denn der Herr selbst wird beim Befehlsruf, bei der Stimme eines
Erzengels und bei dem Schall der Posaune Gottes herabkommen vom
Himmel, und die Toten in Christus werden zuerst auferstehen; danach
werden wir, die Lebenden, die übrig bleiben, zugleich mit
ihnen entrückt werden in Wolken dem Herrn entgegen in die
Luft; und so werden wir allezeit beim Herrn sein.
Wann
wird das also sein? Bei der Stimme des Erzengels, beim Schall
der Posaune, wenn der Herr herabkommt vom Himmel. Diese Ereignisse
erinnern stark an die Geschehnisse, die in Matthäus 24 beschrieben
sind:
Matthäus
24, 29-31
Aber gleich nach der Bedrängnis jener Tage wird die Sonne
verfinstert werden und der Mond seinen Schein nicht geben, und
die Sterne werden vom Himmel fallen, und die Kräfte der Himmel
werden erschüttert werden. Und dann wird das Zeichen des
Sohnes des Menschen am Himmel erscheinen; und dann werden wehklagen
alle Stämme des Landes, und sie werden den Sohn des Menschen
kommen sehen auf den Wolken des Himmels mit großer Macht
und Herrlichkeit. Und er wird seine Engel aussenden mit starkem
Posaunenschall, und sie werden seine Auserwählten versammeln
von den vier Winden her, von dem einen Ende der Himmel bis zu
ihrem anderen Ende.
Jesus
kommt wieder, Engel werden ausgesandt, Posaunen erschallen. Wann
wird das sein? Gleich nach der Bedrängnis! Und es handelt
sich hierbei um die große Bedrängnis am Ende der Zeit,
so wie es Matthäus in den Versen zuvor beschreibt. Die Entrückung
dennoch vor der Bedrängnis zu erwarten, setzt voraus, in
1. Thessalonicher 4 und Matthäus 24 unterschiedliche
Ereignisse zu sehen. Wie realistisch ist das?
Zwei
weitere Verse nutzen Begriffe, die möglicherweise mit der
Entrückung gleichgesetzt werden können, nämlich
"Verwandlung" und "Vereinigung":
1.
Korinther 15, 51+52
Siehe, ich sage euch ein Geheimnis: Wir werden nicht alle entschlafen,
wir werden aber alle verwandelt werden; und das plötzlich,
in einem Augenblick, zur Zeit der letzten Posaune. Denn es wird
die Posaune erschallen und die Toten werden auferstehen unverweslich,
und wir werden verwandelt werden.
Wenn
wir nun die Verwandlung als Entrückung deuten, so ist der
Zeitpunkt hier präzise benannt: Zur Zeit der letzten Posaune.
Wann wird die letzte Posaune ertönen? Das Buch der Offenbarung
benennt sieben Posaunen, von denen die letzte in Offenbarung 11,15
beschrieben wird. Allgemein unstrittig ist, dass die sechs Posaunen
zuvor Ereignisse in der großen Bedrängnis beschreiben
(siehe Offenbarung 8 und 9). Will man nun trotzdem die Entrückung
vor die Bedrängnis setzen, so muss man zwangsläufig
annehmen, dass es sich bei der letzten Posaune in 1. Kor 15 nicht
um die lette Posaune in Offenbarung 11 handelt. Wie realistisch
ist das?
Eine
weitere Bibelstelle könnte bei der zeitlichen Einordnung
hilfreich sein:
2.
Thessalonicher 2, 1-4
Wir bitten euch aber, Brüder, wegen der Ankunft unseres Herrn
Jesus Christus und unserer Vereinigung mit ihm, dass ihr euch
nicht schnell in eurem Sinn erschüttern, auch nicht erschrecken
lasst, weder durch Geist (andere Übersetzung: Weissagung)
noch durch Wort noch durch Brief, als seien sie von uns, als ob
der Tag des Herrn da wäre. Dass niemand euch auf irgendeine
Weise verführe! Denn dieser Tag kommt nicht, es sei denn,
dass zuerst der Abfall gekommen und der Mensch der Gesetzlosigkeit
offenbart worden ist, der Sohn des Verderbens; der sich widersetzt
und sich überhebt über alles, was Gott heißt oder
Gegenstand der Verehrung ist, so dass er sich in den Tempel Gottes
setzt und sich ausweist, dass er Gott sei.
Angenommen
dass mit dem Begriff "Vereinigung mit Christus" die
Entrückung gemeint ist, so teilt Paulus den (übrigens
nichtjüdischen) Christen in Thessaloniki mit, dass dies nicht
eher geschehen wird, als dass der Antichrist (Mensch der Gesetzlosigkeit,
Sohn der Verderbens) offenbar geworden ist und sich im Tempel
Gottes (wohl an der Heiligen Stätte, dem Tempelberg in Jerusalem)
als Gott verehren lässt. Auch dies wird natürlich erst
während bzw. am Ende der großen Bedrängnis sein,
wie sie in Matthäus 24 beschrieben ist.
Will
man die Entrückung dennoch vor die Bedrängnis terminieren,
muss man bei dieser Bibelstelle die "Ankunft des Herrn"
als spezielle Ankunft des Herrn für uns Christen deuten.
Erst dann ließe sich der Vers wie foogt lesen: Brüder,
keine Sorge, ihr habt die Ankunft und die Entrückung nicht
verpasst, denn der Antichrist ist ja auch noch nicht erschienen
(Erst wenn er offenbar wäre, könnte man die Entrückung
verpasst haben). Doch wie realistisch ist eine solche Sichtweise?
Soll es mehrere Ankünfte des Herrn geben? Eine Vorankunft
für uns Christen und dann noch eine richtige Ankunft am Ende
der Bedrängnis?
Zwischenfazit:
Bei einfacher Lesweise legen alle drei Verse über die Entrückung
sehr nahe, dass diese erst am Ende der Bedrängnis stattfinden
wird.
Warum mich Argumente für die Entrückung
vor der Drangsal nicht überzeugen
Neben
den oben erläuterten direkten Versen über die Entrückung,
die eine Terminierung vor die Drangsal nur bei einer meines Erachtens
sehr umständlichen Interpretation zulassen, gibt es einige
weitere - eher indirekte - Argumente für die so genannte
Vorentrückungslehre.
Lukas
21,36
Wacht nun und betet zu aller Zeit, dass ihr imstande seid, diesem
allem, was geschehen soll, zu entfliehen und vor dem Sohn des
Menschen zu stehen!
Lukas
21 ist eine Parallelstelle zu Matthäus 24 und auch dort wird
die Drangsal kurz beschrieben. Daher legt dieser Vers angeblich
nahe, man könne dieser Zeit entfliehen - also entrückt
werden. Doch mindestens genauso gut könnte man den Vers dahingehend
deuten, dass man all der Verführung und Verfolgung zu entfliehen
vermag, bis zum Ende, wenn Jesus als Herrscher wiedergekommen
ist.
Offenbarung
3,10
Weil du das Wort vom Harren auf mich bewahrt hast, werde auch
ich dich bewahren vor der Stunde der Versuchung, die über
den ganzen Erdkreis kommen wird, um die zu versuchen, die auf
der Erde wohnen.
Auch
die "Bewahrung vor der Stunde der Versuchung" wird gerne
als Bewahrung vor der Drangsal gedeutet. Doch erstens heißt
es in diesem Vers eben nicht Bedrängnis, sondern Versuchung.
Und zweitens bedeutet Bewahrung nicht ein Hinwegnehmen. Hierzu
fällt mir auch der folgende Bibelvers ein, der auch nicht
gerade für ein Hinwegnehmen der Christen aus der Drangsal
spricht. Jesus bittet für die, die ihm nachfolgen:
Johannes
17,15
"Ich bitte nicht, dass du sie aus der Welt wegnimmst, sondern
dass du sie bewahrst vor dem Bösen."
Es
wird als Argument für die Vorentrückung gesagt, dass
in Offenbarung 6 bis 18 - Kapitel, welche die Zeit der Drangsal
aus himmlischer und irdischer Sicht beschreiben - nicht erwähnt
wird, dass sich die Gemeinde auf der Erde befindet.
Dem
stelle ich zum einen gegenüber, dass ebenso wenig erwähnt
wird, dass sich die Gemeinde bei Gott befindet. Einziger Hinweis
hierauf könnte sein, dass von 24 Ältesten vor dem Thron
Gottes die Rede ist. Aber ist das bereits ein Beweis, dass die
gesamte Gemeinde entrückt und bei Gott ist? Außerdem
weise ich auf folgenden Vers hin:
Offenbarung
13, 7
Und ihm [dem Tier] wurde Macht gegeben, zu kämpfen mit den
Heiligen und sie zu überwinden; und ihm wurde Macht gegeben
über alle Stämme und Völker und Sprachen und Nationen.
Während
der Drangsal findet offenbar sehr wohl ein Kampf gegen die Heiligen
auf der Erde statt. Warum soll dies nicht die Gemeinde sein? Hier
wird der Lehrer einer Vorentrückung behaupten, es handelt
sich ausschließlich um Menschen, die sich während der
Drangsal bekehrt haben. Eine meines Erachtens recht willkürliche
Behauptung.
Ferner
wird darauf hingewiesen, dass die Wiederkunft des Herrn bzw. die
Entrückung plötzlich und unvermutet geschehen wird.
Dies wäre ein gutes Argument für eine plötzliche
Entrückung vor der Bedrängnis. Wenn ich dann sage, erst
müsse die Bedrängnis mit all ihren Geschehnissen eintreten,
kann dies ja aber so unerwartet gar nicht sein. Beispielsweise
steht geschrieben:
Matthäus
24, 44
Darum seid auch ihr bereit! Denn der Menschensohn kommt zu einer
Stunde, da ihr's nicht meint.
In
der Tat, eine Argument. Es finden sich aber auch andere Aussagen
in der Bibel:
1.
Thessalonicher 5, 2-4
Ihr selbst wisst genau, dass der Tag des Herrn kommen wird wie
ein Dieb in der Nacht. Wenn sie sagen werden: Es ist Friede, es
hat keine Gefahr -, dann wird sie das Verderben schnell überfallen
wie die Wehen eine schwangere Frau und sie werden nicht entfliehen.
Ihr aber, liebe Brüder, seid nicht in der Finsternis, dass
der Tag wie ein Dieb über euch komme.
Soll
heißen: Wenn wir im Licht sind, wird der Tag des Herrn uns
nicht wie ein Dieb überfallen. Auch Offenbarung 3,3 sagt
aus, dass nur wenn wir nicht wachen, Jesus wie ein Dieb zu unvermuteter
Stunde komme wird.
Ein
Vers, den ich nicht ganz mit meiner Sichtweise vereinbaren kann,
ist:
Johannes
14 ,3
Und wenn ich hingehe, euch die Stätte zu bereiten, will ich
wiederkommen und euch zu mir nehmen, damit ihr seid, wo ich bin.
Dies
könnte tatsächlich so gemeint sein, dass Jesus noch
vor seiner endgültigen Wiederkunft am Ende der Drangsal schon
vorher mal kurz vorbeischaut, um uns zu uns zu nehmen und uns
bei Gott wohnen zu lassen. Aber soll man auf diesen einen Vers
eine Zwei-Wiederkünfte-Theorie aufbauen? Oder kann er nicht
auch so gedeutet werden, dass Jesus uns nach seiner Wiederkunft
am Ende der Drangsal zu sich nimmt und wir ab dann immer bei ihm
sind. Zunächst im 1000-jährigen Friedens-reich auf Erden
und anschließend in der neuen himmlischen Schöpfung.
Fazit
Nicht
alle Bibelverse kann ich sauber in meine Sichtweise einordnen.
Doch das Problem dürften die Vertreter einer Vorentrückung
ebenso haben. Anstatt umständlich indirekte Argumente aufzuführen,
sollte man sich meines Erachtens eher die direkten Entrückungsverse
zu Herzen nehmen. Aber gerade hier ist der biblische Befund äußerst
gering - was die geringe Bedeutung der Entrückung für
uns aufzeigt - und er lässt sich nur schwerlich anders deuten,
als dass die Entrückung am Ende der Drangsal stattfindet.
Ich
denke, wir sollten uns bereit machen - nicht dass Jesus uns von
der Erde nimmt, sondern vielmehr, dass wir in Zeiten der Bedrängnis
der Versuchung und Verfolgung standhalten können.